Der Freimaurer
Seit 1820 gab es in Winterthur die Loge «Akazia». Dort klopfte Jonas Furrer 1829 an, er war knapp 25-jährig. Auf eine der dabei gestellten Prüfungsfragen antwortete er: «Wenn intellektuelle und moralische Vervollkommnung Aufgabe des menschlichen Lebens ist, so kann des Menschen wahres Bedürfnis kein anderes seyn, als vollkommene Erkenntnis seiner selbst.»
Die junge «Akazia» erlebte in den folgenden Jahren eine grössere Krise. Der Enthusiasmus der ersten Jahre war verflogen. Heini Zindel, Meister vom Stuhl und präziser Chronist seiner Loge schrieb: «Offensichtlich erwartete Bruder Jonas Furrer von seiner Logenzugehörigkeit etwas mehr als er vorfand.» Endlich nach vier Lehrlingsjahren wurde am 26. April 1834 über seine Beförderung zum Gesellen beraten und ballotiert. Da aber nach weiteren zwei Jahren des Wartens die rituelle Tempelfeier noch immer nicht stattgefunden hatte, platzte Bruder Jonas Furrer der Kragen. Mit Bestürzung erfuhren die Brüder der «Akazia» von seinem Affiliationsgesuch bei der Loge «Modestia cum Libertate» in Zürich. Nur dem Verhandlungsgeschick des damaligen Geheimschreibers der «Akazia» ist es zu verdanken, dass Br. Jonas Furrer sein Gesuch zurückzog.
Bereits am 7. Januar 1837 fand dann endlich die längst fällige Beförderung statt, noch im selben Jahr die Erhebung zum Meister. Bald darauf übertrug ihm die Akazia das Amt des Logenredners. Im Archiv der «Akazia» sind 16 handgeschriebene Logenreden zu verschiedenen Anlässen erhalten. Vieles zeitlos Gültiges ist darin enthalten und es zeugt davon, wie sehr Jonas Furrers Geist sich mit dem Gedankengebäude der Freimaurerei deckte. So sagt er in einer Ansprache an neu aufgenommene Brüder: «Sie fragen vielleicht, ob denn die Maurerei notwendig sei, ob nicht das Leben im Staate und in der Kirche mit allen ihren Anstalten der Entwicklung und Bildung der Menschheit genüge? Die Erfahrung von Jahrhunderten hat diese Frage verneinend entschieden, hat gezeigt, dass jene Anstalten häufig von fremdartigen, egoistischen und gefährlichen Einflüssen beherrscht waren, dass sie oft mit den Prinzipien der Vernunft in Widerspruch waren. Umgekehrt hat sie gezeigt, dass in den verschiedensten Zeiten und Ländern aus verborgenen Tempeln der Weisheit und Tugend Ideen ausströmen, welche mit segensreicher Wirkung sich über die Menschheit verbreiten.»
Bedingt durch seine rasante politische Karriere und die Verlegung seines Wohnsitzes nach Zürich und dann nach Bern konnte er in späteren Jahren nur noch sporadische Besuche in seiner Mutterloge unternehmen. 1844 wurde er zur Unterzeichnung des Gründungsvertrages der Grossloge Alpina delegiert. Dabei wurde er zum ersten Grossredner gewählt.
Vom 22. bis 24. Juni 1844 wurde die Schweizerische Grossloge Alpina in Zürich konstituiert. Die politischen Gräben der Zeit verliefen auch durch die Reihen der Freimaurerbrüder. Es spricht für die gelebte brüderliche Toleranz, dass zwei hoch angesehene Brüder aus den beiden unterschiedlichen Lagern die Festrede hielten: der liberale Jonas Furrer und der konservative Johann Caspar Bluntschli, ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates der Grossloge. Bluntschli war Professor an der Universität Zürich und galt als Autorität im Völkerrecht. Zudem war er Regierungsrat. Als die Liberalen 1845 einen Erdrutschartigen Wahlerfolg erzielten, trat er zurück. Er nahm eine Berufung an die Universität Heidelberg an, trat der dortigen Loge bei und war schliesslich Grossmeister der Grossloge «Zur Sonne» in Bayreuth. Über Furrer schrieb er: «Mit Furrer stand ich, wenn auch nicht auf vertrautem Fuss, so doch in guter Beziehung. Die Parteistellung und auch manche Ansichten waren wohl verschieden, aber die Achtung war wechselseitig. Als Juristen und F.M. verständigen wir uns über manches.»
Diese Zeilen wurden in späteren ruhigeren Zeiten niedergeschrieben. In den bewegten 40er-Jahren konnten politische Differenzen durchaus das Mass brüderlicher Toleranz überschreiten. Nach solch einer Auseinandersetzung trat Bluntschli 1850 aus der Grosslogenleitung aus und Furrer deckte sogar. Der Burgfriede wurde aber wieder hergestellt. Br. Jonas Furrer trat «wegen Überhäufung von den Geschäften» aus dem Direktorium aus. Er wurde in der Folge Ehrenmitglied der «Alpina» und der «Akazia». Wurde Furrer gross, weil er Freimaurer war, fragte einer seiner Mitbrüder und Chronisten und gab die Antwort selbst: Nein, das zu behaupten wäre anmassend. Aber dass ihn die Freimaurerei miterzogen hat, darf nicht geleugnet werden, es darf sogar behauptet werden, sagte er doch selbst offen: «An mir habe ich erfahren, dass die Massonerey kein eitler Wahn ist.»